Katrin Reichelt
Die Last der Angst
Hilfe für verfolgte Juden in der nationalsozialistisch besetzten Ukraine und auf der Krim 1941–1944
Stille Helden – Widerstand gegen die Judenverfolgung in Europa 1933–1945
Festeinband, 536 Seiten, 156 Abb., 170 x 240 mm, teils farbige Abbildungen
1. Auflage, Dezember 2025
sofort lieferbar
ISBN 978-3-86732-484-7
Angesichts verheerender Massaker im Ghetto Sokal hatte Rivkah Maltz im Sommer 1942 den Weg zu Franciszka Halamajowa gesucht. Sie bat nicht nur um ein Versteck für sich selbst. Die Familie der älteren Frau war groß. Rivkahs Versuch, ihr Anliegen beiläufig vorzubringen, gelang nur dürftig. Franciszka ließ sich nicht anmerken, dass ihr durchaus bewusst war, dass es sich um ein Unterfangen mit möglicher Todesfolge für alle Beteiligten handelte. Sie murmelte ebenso beiläufig »Warum nicht?« Mit diesen Worten reagierte sie auch auf Bitten weiterer verzweifelter Menschen, die keinen anderen Ausweg sahen. Insgesamt fanden sechzehn Juden unter ihrem Dach Schutz und die Chance zum Überleben. Etwa zwei Jahre mussten Todesgefahr, Hunger, Dunkelheit, erzwungene Stille, Angst und unfassbare Lebensumstände erduldet werden, die die Frau mit zwei jüdischen Familien teilte.
Francizska Halamajowa war nicht die Einzige, die diesen riskanten Weg wählte. Ein Teil der ukrainischen Bevölkerung unterstützte die nationalsozialistische Besatzungspolitik und die Vernichtung der Juden. Die meisten blieben unbeteiligt und versuchten, unbehelligt durch die Jahre der Okkupation zu gelangen. Es waren dennoch viele Frauen und Personen, die selbst der Gefahr und Verfolgung nahe waren, Geistliche, Erzieherinnen, Schulkameraden, Kollegen und Fremde, die sich dem umfassend geplanten Massenmord an den Juden in der besetzten Ukraine entgegenstellten. Nicht immer war das Motiv der Retter Mitgefühl und bedingungslose Solidarität. Es gab Fälle, in denen Menschen ihre Entscheidungen hinterfragten, überfordert waren, alternative Motive verbargen. Jede Überlebensgeschichte geretteter Juden enthält Facetten lebensrettender und komplizierter Details. Eines verband jedoch alle Helfer, die Anteil am Überleben verfolgter Juden nahmen – die nackte und allgegenwärtige Angst vor tödlicher Vergeltung durch die Besatzer oder die eigenen Landsleute.
Weitere Titel der Reihe
- Das war doch jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft
- Der Wald war ein letzter Ausweg
- Eine Atmosphäre von Hoffnung und Zuversicht
- Ich gebe zu, dass mir manchmal die Hände zitterten
- Ich habe das getan, weil ich es einfach tun musste
- Kann ein Mensch dabei untätig bleiben?
- Rettung kennt keine Konventionen
- Sie wollten mich umbringen, dazu mussten sie mich erst haben
- Von der Unmöglichkeit, die richtige Entscheidung zu treffen
- Wir hätten es nicht ausgehalten, dass die Leute neben uns umgebracht werden
